In
Donnerstag, 03.11.22 / 14:30-16:30 / FH-C18-Audimax
Symposium
Ebene der Lehr-Lern-Prozesse, Ebene der Lehrentwicklung
Visuelle Wissenschaftskommunikation und interaktives Lernen
Tom Duscher (Muthesius Kunsthochschule Kiel), Hinrich Schulenburg (Evolutionary Ecology and Genetics Christian-Albrechts-Universitaet zu Kiel), Melanie Keller (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Ilka Parchmann (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Susanne Landis (Science Communication Lab), Agnes Piecyk (Science Communication Lab), Manuel Reitz (Science Communication Lab), Carolin Enzingmüller (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Anna Vollersen (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Julia Ahrend (Muthesius Kunsthochschule Kiel)
Digitale Bildung, Interaktives Lerntool, Studierende, Visuelle Wissenschaftskommunikation, Kollaboration, Immunologie, Mikrobiom

Mit der stetigen Vertiefung und Vernetzung von Erkenntnissen im Wissenschaftssystem wächst die Forderung nach neuen Strategien und Formaten der Wissensvermittlung, die Studierende – und auch die breite Öffentlichkeit – an aktueller interdisziplinärer Forschung teilhaben lassen. Visuelle Formate haben hierbei ein ganz besonderes Potenzial: Sie vermögen es, Komplexität zu reduzieren, abstrakte Zusammenhänge und Phänomene sichtbar zu machen und Kernbotschaften pointiert und ansprechend zu transportieren.

In diesem Symposium soll vorgestellt und diskutiert werden, wie solche visuellen Formate an der Schnittstelle zwischen Wissenschaftskommunikation und Bildung genutzt werden können, um Zugänge zu aktueller interdisziplinärer Forschung an Hochschulen zu schaffen. Am Beispiel der Forschung zu LifeScience- und Gesundheitsthemen an der CAU Kiel im Rahmen von Sonderforschungsbereichen (Bsp. Origin and Function of Metaorganisms) zeigen wir verschiedene Aspekte der visuellen Wissenschaftskommunikation und der kollaborativen Entwicklung neuer Medien- und Lernformate auf. Nach einer kompakten Einführung in die Thematik geben wir konkrete Einblicke in das Konzept und das Design des neuen digitalen Lerntools „Meet the Metaorganism“, das Studierenden mithilfe innovativer Visualisierungen Einblicke in aktuelle Mikrobiomforschung gibt. Dabei wird der kollaborative und iterative Entwicklungsprozess, der auch Studierende einbezogen hat, offen gelegt und reflektiert. In einem abschließenden Beitrag wird diskutiert und weitergedacht, wie solche Kollaborationen zwischen Wissenschaftskommunikation und Bildung als Modell genutzt werden können, um innovative Lehr-Lern-Settings auch für verschiedene Gruppen von Studierenden auch schon für die Hochschullehre zu schaffen.

Die vorgestellten Arbeiten sind Teil des Kiel Science Communication Network (kielscn.de), ein Zusammenschluss der drei wissenschaftlichen Institutionen Leibniz- Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), der Muthesius Kunsthochschule (MKH) und der Christian-Albrechts Universität zu Kiel (CAU). Langfristig soll das Kiel Science Communication Network als zentraler Hub für partizipative, visuelle Wissenschaftskommunikation etabliert werden und den Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis vorantreiben.

Visuelle Wissenschaftskommunikation
Tom Duscher (Muthesius Kunsthochschule Kiel)

Die visuelle Gestaltung in der Kommunikation von wissenschaftlichen Themen spielt in einer medial geprägten Gesellschaft eine bedeutsame Rolle. Die Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation besteht darin, mittels avancierter Medien und Datenvisualisierungen ein authentisches Bild aktueller Forschung zu vermitteln.

Eine besondere Ausprägung des Kommunikationsdesigns ist das Informationsdesign. Denn hier steht die Vermittlung und Gestaltung der zugrunde liegenden Informationen im Vordergrund. Möglichst nonverbal soll durch grafische Darstellung ein Überblick, Zusammenhang oder Vergleich komplexer Informationen dargestellt werden. Informationsdesign benutzt visuelle Metaphern um die Komplexität der Realität und umfangreicher Datensätze nachvollziehbar zu machen. Denn Daten alleine sind noch keine Information. In wissenschaftlichen Modellen und Simulationen werden aus Daten Bilder generiert, die wiederum Aufschluss über die Zusammenhänge und Abhängigkeiten der gemessenen Werte geben sollen. Daraus entstehen Prognosen, die etwas über den Zustand dieser Welt zum Ausdruck bringen und zu neuer Erkenntnis führen können. Während das klassische Kommunikationsdesign die emotionale Ansprache und Aktivierung der Adressaten fokussiert, sollte exzellentes Informationsdesign vor allem inhaltliche und faktisch richtige Informationen vermitteln. Es soll also mit den Methoden und den stilistischen Techniken des Grafik-Designs auf inhaltlicher Ebene das Verständnis erleichtern und zugleich durch die ästhetische Form Interesse und Aufmerksamkeit erzeugen. Gutes Informationsdesign soll dem Kartographen Edward Tufte nach die Klarheit des Denkens sichtbar machen. Exzellentes Informationsdesign ist also beides: Sowohl inhaltlich und analytisch präzise als auch emotional und formalästhetisch ansprechend und klar.

Wie wir visuelle Wissenschaftskommunikation für verschiedene Audiences einsetzen können, soll in diesem Vortrag anhand von Best Practice Beispielen vorgestellt werden. Das Spektrum dabei ist breit: Von interaktiven wissenschaftlichen Postern bis hin zu individuellen Lerntools. Es wird eine kompakte Einführung in die Zusammenarbeit des Science Communication Labs mit dem CAU Sonderforschungsbereich 1182 „Origin and Function of Metaorganisms” gegeben.

Meet The Metaorganism - Ein Digitales Lerntool
Susanne Landis (Science Communication Lab), Agnes Piecyk (Science Communication Lab), Manuel Reitz (Science Communication Lab)

Wie können sich Studierende der Lebenswissenschaften visuell und einprägsam über aktuelle interdisziplinäre Forschung informieren? Mit der digitalen Lernplattform „Meet The Metaorganism” entwickelte das Science Communication Lab eine Applikation, die auf die neusten Erkenntnissen der Mikrobiomforschung beruht und über einprägsame Infografiken und Animationen die Themen Coevolution, Microbial Communities und das Immunsystem abwechslungsreich vorstellt.

Die neuartige Lern-Applikation wurde in einem kollaborativen Gestaltungsprozess in enger Zusammenarbeit mit den Wissenschaftler*innen des Sonderforschungsbereichs „Origin and Function of Metaorganisms” an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sowie in Beratung von Fachdidaktiker*innen am IPN Kiel entwickelt. Und mehr noch, in dem Designstudio selbst arbeiten promovierte Forscher*innen direkt mit den Designer*innen zusammen, um eine optimale Synergie aus visueller Gestaltung und wissenschaftlicher Genauigkeit herzustellen. Denn natürlich ist es für visuelle Gestalter*innen ganz und gar nicht einfach, die komplexen Zusammenhänge der Mikrobiomforschung zu verstehen. So wurde jede einzelne Grafik ausgiebig diskutiert und optimiert. Dabei ist eine Applikation entstanden, die es im Umfang mit jedem Lehrbuch aufnehmen kann und durch den hohen Grad an Visualisierungen multimodales Lernen fördert. Die Applikation ist webbasiert, das heißt, dass sie in jedem Browser geöffnet werden kann und sowohl im Selbststudium als auch begleitend zum Seminar eingesetzt werden kann. Aktuelle Forschungsergebnisse können durch das digitale Format in die Lernapplikation einfließen, die dadurch ständig erneuert und erweitert wird und mit der Dynamik des Forschungsgebietes wachsen kann. Dadurch gewinnen die Studierenden einen viel näheren Einblick und Anbindung in die aktuelle Forschung.

Das Science Communication Lab (Scicom Lab) ist eine Ausgründung der Muthesius Kunsthochschule. Als Designstudio ist es spezialisiert auf innovative visuelle Kommunikation für wissenschaftliche Institutionen und auf die Vermittlung von komplexen, erklärungsintensiven Themen. Das Scicom Lab produziert zum Beispiel interaktive Exponate für Messen, Museen und Ausstellungen, Infografiken und Informationsdesign für Print und Präsentationen oder webbasierte Applikationen.

Innovation durch Kollaboration – Ein Blick hinter die Kulissen der Entwicklung von „Meet The Metaorganism“
Carolin Enzingmüller (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik)

Mit der stetigen Vertiefung und Vernetzung von Erkenntnissen im Wissenschaftssystem wächst die Forderung nach innovativen Lernmedien, die Studierende an aktuellen interdisziplinären Forschungsansätzen teilhaben lassen. Die Entwicklung solcher Lernmedien stellt besondere Ansprüche auf Ebene der Fachlichkeit, des Designs sowie der didaktischen Strukturierung. Kollaborationen zwischen Fachwissenschaft, Design und Fachdidaktik könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten, hochkomplexe moderne Forschung mit attraktivem Design und pädagogischem Anspruch zu verbinden.

Kollaborationen zwischen den Naturwissenschaften und Design haben in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen. Hierbei wird argumentiert, dass die kollaborative Arbeit an einer angemessenen textlichen, visuellen und interaktiven gestalterischen Form neue Zugänge zu aktueller Forschung schafft und dabei den Forschungsprozess selbst befördern kann (Khoury et al., 2019). Bei komplexeren Entwicklungsprodukten wie Lerntools spielen neben fachlichen und gestalterischen Anforderungen zudem didaktische Überlegungen zur Struktur und Lernwirksamkeit eine wesentliche Rolle. Eine Kollaboration mit der Fachdidaktik kann hier die nötige Evidenzbasierung und Qualitätssicherung in den kollaborativen Design-Prozess einbringen.

Kollaboratives Design beschreibt einen Prozess, bei dem Akteure mit unterschiedlichem Hintergrund ihr Fachwissen, ihre Ideen und Ressourcen nutzen, um auf ein gemeinsames Designziel hinzuarbeiten und dabei iterativ Analysen, Ideenfindung und Tests durchlaufen (Zamenopoulos, & Alexiou, 2018; Sanders & Stappers, 2008). Insgesamt gibt es nur wenige Fallstudien, die konkrete Ansätze zum kollaborativen Design von (Lern-)Medien vorstellen und diskutieren. Die wenigen vorhandenen Studien zeigen, dass solche Design-Ansätze Kreativität fördern, jedoch gleichzeitig mit spezifischen kommunikativen und organisatorischen Herausforderungen einhergehen (Chiu, 2002; Stempfle & Badke-Schaub, 2002).

In diesem Vortrag wird ein Einblick in den kollaborativen Entwicklungsprozess des Lerntools „Meet the Metaorganism“ gegeben. Dabei wird sowohl berichtet, wie das interdisziplinäre Team aus Fachwissenschaft, Design und Fachdidaktik Wissen und Expertise zusammengeführt hat als auch wie die Zielgruppe bei der Entwicklung des Lerntools einbezogen wurde. Hierbei werden Chancen, Herausforderungen und Best practices für die Hochschulpraxis abgeleitet.

Neue Perspektiven für das Zusammenwirken von Design und Bildung schon im Studium
Ilka Parchmann (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Anna Vollersen (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Julia Ahrend (Muthesius Kunsthochschule Kiel)

Das KielSCN als interdisziplinäres Wissenschaftskommunikationsprojekt führt Expertisen von Fachwissenschatler*innen, Didaktiker*innen und Designer*innen zusammen, die innovative Formate erforschen und entwickeln. Unter dem Motto Voneinander lernen und miteinander gestalten sollen in diesem abschließenden Beitrag erste Erfahrungen des KielSCN sowie aus bereits initiierten Studienprojekten dargestellt und mit den Teilnehmenden diskutiert werden. Im Fokus stehen hier die Chancen, Praxiserfahrungen und Umsetzungsmöglichkeiten der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit während des Studiums.

Die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit haben die Speakerinnen Julia C. Ahrend (Informationsdesignerin) und Anna Vollersen (Naturwissenschaftsdidaktikerin) selbst erlebt, die nun im KielSCN kollaborieren. „Die eigenen Projekte aus didaktischer Perspektive zu beleuchten, erweitert den Blickwinkel, denn hier existieren Erkenntnisse darüber, wie Wissen effektiv vermittelt werden kann“ sagt Julia, die sich ein interdisziplinäres Zusammenwirken schon während ihres Studiums gewünscht hätte. „Erkenntnisse beispielsweise über Konzepte zu Lerntheorien sowie zur motivationalen – emotionalen Unterstützung, kognitiven Aktivierung und individuelle Förderung der Lernenden sind ein sinnvoller Baustein im Werkzeugkasten der Gestaltenden – gerade dann wenn Kommunikationsprodukte nicht für den Werbekontext sondern für die Wissenschaftskommunikation entstehen“. Auch Anna hat wertvolle Erkenntnisse für Lehramtsstudierende jeder Fachrichtung aus der Kooperation mit Designstudierenden gezogen: „Wir Lehrkräfte konzipieren unzählige Arbeitsmaterialien während unserer Zeit an der Schule. Da ist es sinnvoll, dass wir die Grundlagen der Gestaltung beherrschen, um funktionale und attraktive Materialien erstellen zu können, die das Schüler*innenengagement steigern. Ich habe in den letzten Wochen viele Designkriterien und Tools aufgegriffen, die ich zukünftig in meinem Prozess berücksichtigen werde“.

Ilka Parchmann, Senior Principal Investigator des KielSCN, initiiert solche Begegnungen verschiedener Fachrichtungen bislang in zwei Modulen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Nach einer kurzen Vorstellung dieser Module, in der zum einen Lehramtsstudierende mit der Expertise von Designer*innen Fachinhalte in Formate wie Escape Rooms übersetzen und zum anderen in Kollaboration mit Fachwissenschaftler*innen Angebote für Schüler*innenlabore gestaltet und getestet werden, wird mit den Teilnehmenden über zukünftige Angebote in den Austausch gegangen.