In
Donnerstag, 03.11.22 / 11:30-13:30 / FH-C03-0.02
Symposium
Ebene der Lehrentwicklung
Gesellschaftlichen Wandel durch Hochschul-Bildung für nachhaltige Entwicklung gestalten und unterstützen
Johanna Weselek (Pädagogische Hochschule Heidelberg, Deutschland), Teresa Ruckelshauß (Pädagogische Hochschule Heidelberg), Ann-Kathrin Schlieszus (Pädagogische Hochschule Heidelberg), Florian Kohler (Pädagogische Hochschule Heidelberg)
Hochschul-Bildung für nachhaltige Entwicklung, innovative Lehrkonzepte, gesellschaftlicher Wandel, Hochschuldidaktik

Für die Realisierung einer sozial-ökologischen Transformation hat Bildung eine hohe Relevanz. Im Fokus des Mantelbeitrags steht Hochschul-Bildung für nachhaltige Entwicklung (HBNE). Um Studierende zu befähigen, partizipativ an der Gestaltung einer nachhaltigeren Gesellschaft teilnehmen zu können, müssen zunächst Hochschullehrende unterstützt und ausgebildet werden, um als BNE-Multiplikator*innen agieren zu können. Im Sinne einer BNE zu lehren bedeutet z.B., ein mehrdimensionales Verständnis einzelner Phänomene, einen adäquaten Umgang mit Dilemmasituationen, eine systemische Betrachtungsweise über disziplinäre Grenzen hinweg oder ein wechselseitiges Lernen und Aushalten von Unsicherheiten anzuwenden. Dem Begriff einer nachhaltigen Entwicklung ist ein prozesshaftes Gestalten inhärent. Daher zielt HBNE auf die aktive Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft. Diese Zielsetzung steht vor verschiedenen Herausforderungen, die in den jeweiligen Einzelvorträgen genauer expliziert werden: Welche individuellen Voraussetzungen haben die Lehrenden? Wie kann dem Vorwurf einer normativen BNE begegnet werden? Welche Chancen und Risiken birgt eine digitale BNE und wie können Studierende hierbei gestaltend tätig werden? Der Mantelbeitrag bündelt diese Herausforderungen, expliziert die hohe Relevanz von BNE-Multiplikator*innen und veranschaulicht an zwei Projekten innovative Lehr-Lernkonzepte. Einerseits wird „Nachhaltigkeit lehren lernen“, ein zukunftsorientiertes Weiterbildungskonzept für Hochschullehrende vorgestellt und andererseits die digitale Lernplattform „Future:N!“, die adaptive E-Learning-Weiterbildungsangebote für BNE-Multiplikator*innen anbietet. Das Ziel des Symposiums ist eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Herausforderungen einer HBNE und der Möglichkeit, diesen durch innovative Lehrkonzepte zu begegnen, um HBNE gestalterisch in die Hochschullandschaft zu integrieren und zu verankern.

Individuelle Voraussetzungen Hochschullehrender im Kontext von nachhaltiger Entwicklung und Bildung für nachhaltige Entwicklung
Teresa Ruckelshauß (Pädagogische Hochschule Heidelberg)

Hochschullehrende stellen eine heterogene Personengruppe dar, beispielsweise im Hinblick auf ihren disziplinären Hintergrund, ihre pädagogisch-didaktische Ausbildung, ihre Lehrerfahrung und den Stellenwert, den Lehre in ihrem Berufsalltag einnimmt. Neben diesen äußeren Merkmalen gibt es darüber hinaus auch individuelle Erfahrungen und Einstellungen, die die Lehrenden prägen. Gleichzeitig sind sie als Ausbildende der Entscheidungsträger*innen, Lehr- und Führungskräfte der Zukunft wichtige change agents für alle Bereiche der Gesellschaft. Dadurch gestalten sich hochschuldidaktische Weiterbildungen gleichermaßen herausfordernd und reizvoll. Das gilt umso mehr für den Bereich der BNE, in dem bei der Auseinandersetzung mit Inhalten einer nachhaltigen Entwicklung zwingend normative Fragen aufgeworfen werden. Dass es bei diesem Bildungskonzept nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern vielmehr um Kompetenzen und die Befähigung zu informiertem, selbstbestimmtem Handeln geht, muss sich auch in den hochschuldidaktischen Weiterbildungen als Grundlage für hochwertige HBNE widerspiegeln. Der Beitrag beschäftigt sich daher mit der Frage, wie sich Hochschullehrende im Hinblick auf ihr Wissen und ihre Einstellung in Bezug auf (Bildung für) nachhaltige Entwicklung unterscheiden und ob sie auf dieser Basis bestimmten Gruppen zugeordnet werden können. Grundlage ist eine quantitative Online-Studie unter Hochschullehrenden aus ganz Deutschland. Untersucht wurde unter anderem, welche Grundeinstellung die Befragten gegenüber BNE als Bildungskonzept aufweisen, wie sie dessen Verortung in der Hochschule wahrnehmen, welche Akteur*innen sie dafür in der Verantwortung sehen und wie sie die Relevanz von BNE für und die Umsetzung von BNE in ihrer eigenen Lehre einschätzen. Es wird diskutiert, welche Konsequenzen sich aus den gewonnenen Erkenntnissen für hochschuldidaktische BNE-Weiterbildungen ergeben.

Umgang Hochschullehrender mit Normativität im Rahmen einer reflexiven Bildung für nachhaltige Entwicklung
Ann-Kathrin Schlieszus (Pädagogische Hochschule Heidelberg)

BNE ist immer auch mit Normen und Werten verknüpft: Was Hochschullehrende unterschiedlicher Disziplinen, Studierende und andere gesellschaftliche Akteur*innen unter einer nachhaltigen Entwicklung verstehen und wie verschiedene Teilziele priorisiert werden, kann sehr verschieden sein und hängt eng mit individuellen Wertorientierungen zusammen. Hochschullehrende sollten sich mit der Normativität von Themen einer nachhaltigen Entwicklung und des Bildungskonzepts einer BNE auseinandersetzen, um in ihrer Lehrpraxis einen reflexiven Umgang damit üben zu können. Davon können die Studierenden in vielerlei Hinsicht profitieren: Zum einen kann ein Rechtfertigungsdruck bei Studierenden vermieden werden, wenn sie z.B. von Lehrenden abweichende Werte mit einer nachhaltigen Entwicklung verbinden. Zum anderen ermöglicht das explizite Ansprechen der zugrundeliegenden Werte kontroverse Diskussionen und eine tiefe Auseinandersetzung mit Themen einer nachhaltigen Entwicklung. Dies kann dazu beitragen, dass bei Studierenden transformative Lernprozesse angestoßen werden und dass sie neue Perspektiven auf die Welt erlangen. Wie es gelingen kann, Werte in hochschulischen Lehrveranstaltungen zu thematisieren, welche Hindernisse Lehrende dabei identifizieren und welche Erfahrungen sie bereits mit kontroversen und normativen Themen in ihrer Lehre gemacht haben, ist Gegenstand des Beitrags. Grundlage ist eine empirische Studie, die mit Hochschullehrenden unterschiedlicher Disziplinen durchgeführt wird, die am Basiskurs des Projekts „Nachhaltigkeit lehren lernen“ teilnehmen. Im Rahmen des Projekts werden BNE-Weiterbildungsangebote entwickelt und an 13 Modellhochschulen in ganz Deutschland pilotiert. Im Beitrag werden erste Ergebnisse der Studie vorgestellt und diskutiert. Diese sollen dazu beitragen, eine reflexive, Normativitäts-sensitive BNE an Hochschulen zu etablieren, die dem Vorwurf eines normativen Bildungskonzepts standhält.

Nutzung Digitaler Tools zur Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Hochschulbildung
Florian Kohler (Pädagogische Hochschule Heidelberg)

Gesellschaftliche Gestaltung und Veränderung erfordern unterschiedliche Kompetenzen. Eine zentrale Komponente für eine nachhaltigere (digitale) Lebenswelt ist dabei die Schaffung von Beteiligungsmöglichkeiten, bei denen auch digitalen Technologien eine zunehmende Relevanz zukommt. Im Fokus dieses Beitrags steht die E-Learning Plattform des Projektes „Future:N! – Entwicklung eines adaptiven Lernportals zur Förderung einer ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung im Web 2.0‘“, welche an der Schnittstelle der beiden gesellschaftlichen Herausforderungen Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung ansetzt. Sie hat zum Ziel, BNE in allen Bildungsbereichen zu verankern. Der Schwerpunkt liegt auf der Weiterbildung von potenziellen BNE-Multiplikator*innen wie Lehramtsstudierenden, Lehrkräften sowie Hochschullehrenden. Basierend auf interaktiven und adaptiven E-Learning-Formaten strebt die E-Learning-Plattform nicht nur den Wissenserwerb der Lernenden, sondern ebenfalls deren Kompetenzentwicklung an. Future:N! dient nicht nur der Weiterbildung zu Fragestellungen im Kontext von BNE, sondern ist als Web 2.0-Ansatz konzipiert, wodurch Lernende nicht nur Konsumierende sondern auch Produzierende von Lehr-Lern-Inhalten sind. Sie erstellen eigene Lernkonzepte und -formate und können so ihre eigene Expertise teilen und damit die E-Learning-Plattform als „Prosumierende“ bereichern. Die Lernenden können Expertise in der Erstellung qualitativ hochwertiger digitaler Lerninhalte und -formate erwerben und werden dabei unterstützt, transformative Lehr-Lern-Szenarien wie bspw. Blended Learning zu implementieren oder zu etablieren. In diesem Beitrag wird gezeigt, wie eine adaptive Plattform für BNE-Multiplikator*innen konzipiert werden kann, um Lernende zu aktiven Gestalter*innen zu machen und wie diese im Hochschulalltag eingebunden und genutzt werden kann.